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ESSAY


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:: TOPIC 1.11.02
Felicia Riess über Christoph Dahlhausen
   
Christoph Dahlhausen - Malerei des Lichts im Raum
   
Über die Setzung der Farbe IV
· 2002 · C-print auf Glas · 82,5 x 131 cm
Courtesy Galerie Robert Drees Hannover
Foto: Foto Chittka
   
Bekanntermaßen zählen Architektur, Bildhauerei, Malerei und Graphik traditionell zu den sog. Bildenden Künsten. ›Kunst‹ im engeren Sinne steht dabei für sich und somit für eine mehr oder weniger zweckfreie Tätigkeit¹, während Architektur (bzw. Baukunst) im Allgemeinen als die älteste und die am meisten zweckgebundene der Bildenden Künste gilt².

Der Dualismus von zweckfrei und zweckgebunden markiert ein Spannungsfeld, in dem sich künstlerische und architektonische Ansätze tummeln, jedoch selten zu einem wünschenswerten Miteinander, zu einem Synergismus gar, finden. Oftmals stehen sich Kunst und Architektur wie Fremdkörper gegenüber.

In einer Ausstellung in der Galerie Robert Drees in Hannover begegnete ich in den Arbeiten des in Bonn lebenden Christoph Dahlhausen einer künstlerischen Position mit einem offensichtlichen Bezug zur Architektur. Da der architektonische Raum eine entscheidende Rolle in Dahlhausens Tätigkeit spielt, wurde die gesamte Ausstellung zu einer ›Rauminstallation‹.
 
White Cube
· 2000 · Color-fotopapier, MDF, Lack, Glas · 7,3 x 217 x 217 cm
Kunstverein Göttingen 2000
Foto: Hans Christian Adam
 
Wanderung zweier Formen
· 2002 · Siebdruck auf Glas , Sandstrahlung auf Panzerglas
Wandarbeit für das Polizeipräsidium Trier
Foto: Christoph Dahlhausen


Wir als Betrachter sind gewollter Teil dieser Situation und erfüllen sie mit unserem persönlichen Erfahrungsschatz und Wahrnehmungsvermögen. Der Galerieraum als kunstspezifischer Raum wird zur Grundlage unserer Kunstbetrachtung, wir erleben ihn als unverzichtbaren Bestandteil der ›Rauminstallation‹. Vordergrund und Hintergrund, Text und Kontext vermischen sich, drehen sich um, der Kontext wird zum Text, wird Teil der künstlerischen Tätigkeit. Damit büßen wir als Betrachter die vermeintlich sichere Distanz ein, stehen nicht nur vor, sondern auch innerhalb der Kunst.
Christoph Dahlhausen plaziert seine Kunstwerke fest entschlossen in die sie umgebende Architektur, darüber hinaus rückt er den realen Bildträger - die Galeriewand, den Galerieraum - als Bedeutungsträger der Kunst ins Visier seines künstlerischen Interesses. Er nutzt den Dualismus von ›zweckfrei‹ und ›zweckgebunden‹ zur spielerischen Schaffung einer ›dritten Dimension‹, die als Kunst am Bau, vielleicht aber auch ganz anders bezeichnet werden kann.

Christoph Dahlhausen, 1960 geboren, ist neben zahlreichen Museums- und Galerieausstellungen im In- und Ausland verschiedentlich mit Kunst-am-Bau-Projekten wie z.B. seinen ›31 Gläsern für Hannover‹ für das International Neuroscience Institut, den ›13 Gläsern für St. Ursula‹ in Erfurt oder jüngst der künstlerischen Gestaltung des Trierer Polizeipräsidiums in Erscheinung getreten. Ein offensichtlich interdisziplinäres Forschungsinteresse leitet ihn in seiner Arbeit. Dies ist kaum verwunderlich, hat er doch über die ›Umwege‹ eines Medizin- und Musikstudiums zur Bildenden Kunst gefunden. Diese ›Umwege‹ haben ihn geprägt, sein Interesse für naturwissenschaftliche Fragestellungen, für Harmonien, für die Ordnung der Dinge spiegelt sich in seiner künstlerischen Tätigkeit, die um das Licht als die Voraussetzung aller Sichtbarkeit kreist. Daneben bildet die Farbe einen wesentlichen Inhalt seiner Arbeit. Farbe verstanden als Produkt des Lichts, als Resultat eines fotografischen Prozesses, als Malerei des Lichts.
›Den Schatten gibt's bei mir umsonst dazu‹ - sagte mir Christoph Dahlhausen im Gespräch, und verweist damit auf sein ganz persönliches Interesse, Wahrnehmung prozesshaft zu verstehen, als eine Schichtung von Eindrücken.

Umgesetzt hat der Künstler dieses Verständnis ganz bildlich in seinen ›glassworks‹. Es handelt sich dabei um zumeist mehrteilige Wandarbeiten aus nebeneinander gelagerten oder auch übereinander geschichteten gläsernen Platten. Diese dienen zugleich als räumliche Träger für Farbfelder und als transparente Form für Farb-, Licht- und Schattenspiele. Erscheinen die Farbfelder dabei zunächst als malerischer Eingriff, erweisen sie sich tatsächlich als aufkaschierte Fotoflächen, auf denen nichts anderes zu sehen ist als abgebildetes Licht.
 
Installations-
ansicht ›31 Gläser für Hannover‹
· 2000 · C-print auf Glas
· Wände 8 x 12m
Wandarbeit für das International
 
Neuroscience Institut, Hannover
Foto: Roland Schmidt
Motiviert durch das philosophische Streben nach Erkenntnis, sieht Dahlhausen seine Aufgabe darin, für seine künstlerischen Inhalte das ›wahre Maß‹ zu finden, es zu bilden und zu beherrschen. Dafür greift er gerne auf das Proportionsverhältnis des Goldenen Schnitts zurück, ›in dem die Mathematik traditionell ihre größte Nähe zur Kunst zeigt und [das] sich gleichsam auf den Körper der menschlichen Existenz bezieht‹3. Die Anordnung der einzelnen Glasplatten zueinander, der Farbfelder darauf und auch der Rhythmus im Raum sind von diesem Streben nach dem richtigen Maß geprägt. Auf diese Weise schafft Christoph Dahlhausen kontemplative, in sich ruhende Bildwerke, die zum Verweilen und vor allem zum genauen Betrachten einladen.

Die Installationen ›Room with a View‹ entwickeln Dahlhausens Interesse an Wahrnehmung konstruktiv, das heißt in den Raum hinein weiter. Nur von außen einzusehen, verlangt der Künstler dem Betrachter ab, die eigenen Wahrnehmungsstrategien zu überprüfen und die verschwommenen Licht-, Farb- und Raumeindrücke nach und nach - also ›schichtenweise‹ - einer sinnhaften Ordnung zuzuführen.
Aus diesen einführend dargestellten Aspekten seiner künstlerischen Tätigkeit - Licht als Gestaltungsmittel, Farbe als Material des Lichts, Selbstbezüglichkeit des fotografischen Mediums und Interesse an kompositorischen Strategien - ergibt sich, dass Christoph Dahlhausen als Bildender Künstler einen ›Zwischenraum‹ besetzt. Er arbeitet nicht als Maler, nicht als Fotograf, nicht als Bildhauer, und doch in jedem Bereich zugleich.
 
Gedanken zum FarbRaum
· 2002 · C-print auf Glas · Wand 2,5 x 18 m
Installation im Seniorenheim Domizil am Venusberg, Bonn
Foto: Christoph Dahlhausen
   
Doch wo angesichts der Vielseitigkeit der Interessenlagen die Gefahr der künstlerischen Beliebigkeit nicht weit ist, beginnt es bei Christoph Dahlhausen spannend zu werden. Die Qualität seiner Arbeit besteht nicht zuletzt darin, dass er es schafft, diese Vielseitigkeit in eine nachvollziehbare künstlerische Aussage zu transformieren - oder wie es Carsten Ahrens treffend zusammenfasst:
›...der Künstler [findet] auf den Bahnen der inneren Logik des Werkes und in den Gezeiten des Zufalls unterschiedliche Wege, um die methodische Erschließung der Farben an skulpturale Körper im Raum zu binden. Farbe wurde zum qualifizierenden Parameter in der Untersuchung der räumlichen Form, des Materials und seines Potenzials.‹¹¹
Es ist der von Christoph Dahlhausen in Anspruch genommene Bezug auf das Maß, die Verhältnismäßigkeit, was mich abschließend auf den Begriff der ›Baukultur‹ kommen läßt. Auch ›Baukultur‹, diese Gesamtheit aller das Bauwesen einer Gesellschaft betreffenden Fragen und Lösungen, kreist um das richtige Maß, das richtige Verhältnis - und das auf vielen Ebenen. Effekthaschende Spektakel und Maßlosigkeiten finden sich schnell und entstehen an jeder Ecke. Der Sinn für das richtige Maß hingegen will entwickelt werden.
Ich meine, die Begegnung mit Werken von Christoph Dahlhausen macht sehr klar deutlich, was es heißt, maßvoll zu arbeiten und die Bezüge zu respektieren. Die spürbare Unausweichlichkeit seiner raumbezogenen Arbeiten garantiert nachhaltige Wirkung. Kunst und Architektur begegnen sich in seinen Ausstellungen und bilden etwas Gemeinsames: Baukultur pur.
 
Weisse Arbeit für Linnich
· 2001 · Colorfotopapier auf Glas · 385 x 1200 cm
Installation für die Glasfassade des Deutschen Glasmalerei-
Museums Linnich (Außenansicht)
Foto: Foto Chittka
   
¹ Laut Brockhaus ist Kunst die Gesamtheit des vom Menschen Hervorgebrachten [Ggs. Natur], das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist [Ggs. Technik].
² Hier sei stellvertretend an die "Urhütte" und die Schutzfunktion von Architektur erinnert.
³ Carsten Ahrens: Forscher der Farben - Maler des Lichts. Kompilierte Gedanken zum Werk von Christoph Dahlhausen. In: Kunstverein Göttingen e.V. (Hg. 2001): Christoph Dahlhausen Glassworks, S. 55-67, hier S. 59.
¹¹ Carsten Ahrens, a.a. O., S. 57 ff.
 
13 Gläser für St. Ursula
· 2000 · Colorfotopapier auf Glas
Wandarbeit für die Ursulinenkirche, Erfurt
Foto: Christoph Dahlhausen
   
Im Frühjahr 2003 wird Christoph Dahlhausen in der Konrad-Adenauer-Stiftung Berlin mehere große raumbezogene Wandarbeiten und raumübergreifende Installationen ausstellen.
   
Christoph Dahlhausen (geboren 1960), lebt und arbeitet in Bonn.
1978-81 Violoncelloklasse P. Dettmar (Köln)
1981-87 Cellist und Bassist, Abgeschlossenes Medizinstudium
seit 1987 Philosophische Studien, Freie künstlerische Arbeiten
seit 1989 Ausstellungen im In- und Ausland,verschiedene Preise, sowie Stipendien

Einzelausstellungen u.a. in Museum Ludwig, Koblenz, Städtische Galerie Am Fischmarkt, Erfurt, Kunstverein Göttingen, Museum Baden Solingen,
Gruppenausstellungen u.a. in Bonner Kunstverein, Patrimoine Photographique Paris, Fotomuseum Winterthur, Museo National Arte Catalonia Barcelona
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